Saturday, December 24, 2005

 

Passend zum Datum: Weihnachten in Sri Lanka

Schon als wir ankamen, konnten wir im Radio bzw. in einigen Hotellobbys Weihnachstmusik hoeren.
Sowohl in Anuradhapura als auch in Nuwara Eliya hatten wir die Ehre, dem Schmuecken des Weihnachstbaums zusehen zu duerfen. In Anuradhapura wurde er schon am 18.12. geschmueckt, aus Plastik mit JEDER Menge Glitzergirlanden und blinkenden elektrischen Kerzen.
In Nuwara Eliya sind die Menschen weniger temperamentvoll, da es in den Bergen liegt. Im Hotel Glendower (ja, wie ein englisches Landhaus) war die Dekoration eher etwas zurueckhaltend und wurde erst am 22.12. an einem echten Nadelbaum befestigt. Es wurde nur jede Menge Holzgeschnitztes und Plastikgeschnitztes aufgehaengt. Die Kerzen wandelten ihre Farben ueber weiss, gelb, rot, gruen zu blau...

Einige Angestellte in den Hotels oder Supermaerkten tragen Weihnachtsmann-Muetzen. Ich habe sie noch nicht gefragt, ob sie das gern und freiwillig tun.

Heute habe ich in einem besseren Wohnviertel in Colombo am Parkrand einen Weihnachtsbaum-Stand gesehen. Es werden Tuja-Zweige verkauft und etwas Tannen aehnliches.

Einiges wird morgen vielleicht nicht offen sein, aber es ist eh Sonntag. Montag ist der 26.12., also ein Jahr nach dem Tsunami. Das ist dann Nationalfeiertag mit vielen Commemoration Ceremonies. Da wird Weihnachten keine Rolle mehr spielen.

In diesem Sinne eine gesegnete Weihnachtszeit.
Birte

Wednesday, December 21, 2005

 

Fortbewegung

Eine sehr interessante Erfahrung sind die Moeglichkeiten, mich in diesem Land fortzubewegen.
Als Westerner werden wir grundsaetzlich wie Autos behandelt. D.h. wenn ich zu Fuss einen Weg entlang gehen moechte und frage, ob der Weg z.B. zum Mahabodhi-Baum fuehrt, kommt ggf. die Antwort 'road ist closed! you have to go that way'.
'that way' ist die Hauptstrasse voller Autos. Die 'closed road' ist dann eine Abkuerzung, die Fussgaenger und Radfahrer singhalesischer Abstammung natuerlich benutzen koennen, wir aber offensichtlich nicht. Inzwischen frage ich nicht mehr, sondern gehe und fahre einfach wie es mir moeglich erscheint ( so lange ich gelassen werde und mich kein Security Officer zurueckpfeift). Das gibt dann keine Probleme und ich sehe Sri Lanka von einer ganz anderen Seite.

Gestern habe ich mir in Anuradhapura ein Fahrrad geliehen. Es gibt sehr viele historische Gebauede und Anlagen zu besichtigen, die relativ weit auseinander liegen. In Deutschland wuerde ich wohl zu Fuss gehen, aber bei dem heissen Klima macht mir das hier keinen Spass. Mit dem Fahrrad geht das wunderbar. Es gibt in der Regel alte Hollandraeder, die sehr leicht fahren. Die Bremsen funktionieren fuer das Tempo, das man fahren kann, ausreichend. Ich kann natuerlich nicht durch die Strassen fahren ohne staendig angequatscht zu werden. Aber das ist ja freundlich gemeint, auch die Pfiffe von den Baustellen oder anderen Ansammlungen junger Maenner... Dass ich ihre Mutter sein koennte, scheinen sie nicht zu registrieren.

Das Rad fahren selbst ist ein reines Vergnuegen: der Wind kuehlt etwas, ich sehe viel mehr als aus dem Auto, kann ganz andere Wege fahren (s.o.) und bekomme auch nette Kontakte.

Dann fahre ich zum Mahabodhi-Baum, ein Heiligtum, der aelteste, verbriefte Ableger des Bodhi-Baums, unter dem Buddha seine Erleuchtung erlangte. Die Security Officers blicken mich streng an, Frage: 'where are you going?' etc. etc. Das Ende vom Lied: ich muss mein Fahrrad auf dem Parkplatz abstellen, wo die Autos der auslaendischen Touristen stehen, nicht bei den anderen Fahrraedern der Singhalesen (vgl. ganz oben). Das war sowohl fuer das Fahrrad als auch mich total unpraktisch. Hier kann ich die Denkweise meines Gastlandes nicht mehr durchschauen.

In diesen Zusammenhang passt das Thema Entfernungen. Wenn wir zu Fuss unterwegs waren, bekamen wir oft die erfragte Auskunft nach der Richtung 'this way' mit der Ergaenzung '100 metres'. Das ist nicht woertlich zu nehmen, sondern bedeutet 'nicht weit'. Meistens ist es dann doch eine Ecke weiter als hundert Meter.

Zum Auto fahren schreibe ich jetzt nichts mehr. Das tun wir nicht selbst und die Regeln des Hupens sind in jedem Reisefuehrer beschrieben.

Ergaenzung am 24.12.:
Gestern bin ich mit der Eisenbahn von Nuwara Eliya (in den Bergen) nach Colombo gefahren. Eine Strecke von ca. 230 km kostete in der 2. Klasse 193 Rupien. Das sind rund 2 Euro.
1. Klasse war voll und muss ein paar Tage im Voraus gebucht werden.

In der 2. und 3. Klasse gibt es keine Reservierungen. In der 3. Klasse sind oft nur Stehplaetze.
In der 2. gibt es davon auch jede Menge, wie mich die Erfahrung gelehrt hat.
Die 230 km hat der Zug in einer Zeit von 7 Stunden zurueckgelegt. Wir sind mit 3/4 Stunde Verspaetung losgefahren und mit 1 1/2 Stunden Verspaetung angekommen.
Die ersten 2 1/2 Stunden durfte ich stehen. Zwischendurch wurde der Zug immer voller, an einer Umsteigestation entspannte es sich dann etwas. Wenn jemand aussteigt, spricht man mit der Person ab, ob man den Sitzplatz bekommt. Ich hatte Glueck, weil ich relativ schnell zum Sitzem kam. Es gab einige Leute, die die ganze Zeit gestanden haben! Die Singhalesen koennen durchaus auch im Stehen schlafen, habe ich gelernt.

Es sitzen viele zu viert oder fuenft in 2 Sitzen, auch auf der Armlehne bekam ich freundlicherweise einen Platz angeboten. Das habe ich dann spaeter genauso gemacht, obwohl man dann seinem Nachbarn ziemlich auf die Pelle rueckt. Aber das ist in Sri Lanka leicht mal so.
Ansonsten war die Atmosphaere sehr freundlich und gut gelaunt.
Ich war froh, dem Auto entronnen zu sein und nicht mehr hupend und hektisch durchs Land gekarrt zu werden.

Ich finde es einen Skandal wie wenig die Regierung in die Eisenbahn investiert. Die Waggons sind noch aus Kolonialzeiten, total heruntergekommen. Die Strecken sind eingleisig, was natuerlich Verspaetungen foerdert. Dabei sind alle Zuege voll, die Menschen haengen an den offenen Tueren oder stehen auf den Puffern zwischen den Waggons. Besonders betroffen sind die Pendlerzuege. Es gibt eigentlich nur drei Strecken durch das Land. Ich verstehe nicht, wie man die Energie der Leute derart strapazieren kann.

Ach ja, jetzt in Colombo bin ich natuerlich schon Tuc Tuc oder 3-Wheeler gefahren. Hier kann sich auch kein Mensch vorstellen, dass man freiwillig zu Fuss geht. Also hupt staendig ein leeres Tuc Tuc neben einem oder ein '(Yes,)Madam, Taxi?' laesst sich hoeren. Ich fand es recht bequem, schnell und fuer uns preiswert. Eine Strecke von 7 km kostet rund 150 Rupien, also 1,50 Euro. Natuerlich muss man wieder ueber den Preis verhandeln...

Viele Gruesse fuer heute,
Birte

Wednesday, December 14, 2005

 

Zahnreliquie und Abschied

Ihr Lieben,

jetzt, wo ich mit Birte reise, ist schwindet mein Mitteilungsbeduerfnis an euch. Eine frohe Botschaft an alle, die mit dem Blog-Lesen aus chronischer Arbeitsueberlastung sowieso nie hinterher kamen. Doch zu frueh euer Seufzer der Erleichterung, denn in Zukunft wird auch Birte diesen Blog mit Beitraegen bestuecken.

Eines will ich aber doch los werden: Angesichts seines `eigenen` Landes (nach Ansicht der Chauvinisten unter den Singhalesen) wuerde sich Buddha im Grab umdrehen. Heute z.B. waren wir im Tempel of the Tooth, dem bedeutendsten Heiligtum Sri Lankas. Dort wird angeblich ein Zahn Buddhas als Reliquie aufbewahrt. Kandy war das letzte Koenigtum in Sri Lanka, das von den britischen Kolonialherren eingenommen wurde. Wer den Zahn hat, hat die Macht. Deshalb hat dieses makabre Kleinod eine wechelvolle Geschichte hinter sich, die ich nicht weiter vertiefen will. Wesentlich ist, dass er Kriege verursacht hat. Buddha selbst bat, keine Reliquienanbeterei zu betreiben, wohlwissend, nehme ich an, wie leicht solcher Unfug verheerende Folgen haben kann.

Wir betraten den Tempel gegen 9.15, nachdem wir unsere Schuhe an einer Aufbewahrung abgegeben hatten und wie im Theater in return einen Zettel mit Nummer bekamen. Dann bezahlten wir den Eintrittspreis von 300 R.s, denn nur `foreigner` zu entrichten haben. Wir stiegen die Treppe zum Heilgsten aller Heiligtuemer hinauf. Ich verharrte dort mit grossen Augen, um mitzubekommen, was die Glaeubigen in ihren Praesenttueten trugen. Es war die Zeit des Dana Giving, d.h. es wurden dem Tempel und seinen Priestern Gaben dargebracht. Leider war das meiste verpackt. Ich konnte nur Faecher, Gewaender und Lux-Seife fuer die Priester identifizieren.

Eine Weile sahen wir den Einheimischen bei ihrer Andacht zu. Ich finde das immer faszinierend, auch in Lourdes und solchen Orten. Ueberhaupt fallen mir Parallelen zwischen der katholischen Auspraegung des Christentums und der singhalesischen Version des Buddhismus auf: die Reliquienverehrung, die Anbetungsbereitschaft, der aeusserst irritierende Widerspruch zwischen dem ethischen Anspruch des Religionsgruenders und der praktizierten Religion, ganz zu schweigen von der Institution und ihrem schamlosen Wohlstand.

Trommeln und Troeten lockten uns eine Etage tiefer, wo sich 3 Trommler in Kostuemen vor einer silberenen Tuer versammelt hatten. Da viele andere Leute dort warteten, auch Buddhistische Moenche aus anderen Laendern, versprach ich mir irgendeinen imposanten Priester (oder so), der gewiss bald aus dieser Tuer treten wuerde. Nichts dergleichen geschah. Stattdessen wurden von Maennern in Anzuegen, darunter 2 Militaers, weitere Geschenke hinter die Silbertuere verfrachtet.

Nicht alle Gaben sind freiwillig, wie diese Episode belegt, die Birte den Rest gaben: Ein Tempeldiener bemerkte, dass wir uns vor einer Buddhastatue verneigten, fischte mich aus der Menge ansonsten einheimischer Besucher und fragte mich, ob ich Buddhistin sei. Um laengere Erklaerungen zu vermeiden, sagte ich ja. Daraufhin noetigte er mich naeher an den `Altar` heran, auf dem Blueten dargebracht wurden und legte mir einige Blueten in die Hand, so dass auch ich dem Buddha durch diesen Brauch, den ich nicht pflege, huldigen kann. Das mochte ja noch ein nettes Missverstaendnis sein. Ich winkte Birte heran, die auch von den Blueten abbekam. Was anderes lag auf dem Altar als ein 1.000 Rupee-Schein! "Donation Pooja" sagte der Tempeldiener zu Birte. Was fuer eine dreiste Manipulation.

Den Rest des Vormittags verbrachten wir im botanischen Garten zwischen unschuldigen Pflanzen. Wir sahen Gewuerzbaeume (Zimt, Nelken, Piment), Orchideen, viele Palmen- und Bambusarten. maechtige Baeume mit bizarren Luftwurzeln (darunter einen Canonball Tree), wunderbare Blueten u.a. eine, die sich treffend Lobster Claw nannte. Hin und wieder naeherten sich uns freundliche Gaertner, die fuer unerwuenschte Dienstleistungen unterschiedlicher Art Rupees haben wollten: Einer bot an, eine Palme hochzuklettern, ein anderer - oops, ich weiss nicht mehr was -, ein dritter zeigte mir einen Skorpion auf seinem Besen und wollte dann auch Geld dafuer.

Draussen regnet es mal wieder, sehe ich gerade.

Herzliche Gruesse von Uschi

Saturday, December 10, 2005

 

Familie

Ihr Lieben,

ich bin jetzt in Colombo, um morgen frueh Birte vom Flughafane abzuholen. Bevor ich mich in Schweigen huelle - denn dann werden wir unterwegs sein -, doch noch einmal zum Thema Familie:

Wie Ihr wisst, dreht sich hier alles um die engere und weitere Familie. Ich erklaere mir das zum einen aus dem noch nicht erschuetterten Verhaeltnis zur Religion - egal ob Buddhismus (ca. 70%) oder Hinduismus. Grundsaetzlicher sehe ich das Beduerfnis nach Sicherheit, Unterstuetzung und Respekt, das in unseren Breitengraden tendentiell durch Wohlstand, oeffentliche soziale Netze und Rechtsstaatlichkeit befriedigt wird.

Von Geburt an bis ins Grab ist die Familie loyal und immer um dich herum. Jedes Familienereignis wird in meist stark ritualisierter Form begangen: Geburt, die erste Aufnahme fester Nahrung, der Eintritt ins Erwachsenendasein der Maedchen, Jahrestag des Ablebens eines Grossvaters, Hochzeit sowieso. Es sind immer alle dabei, und die meisten Ereignisse sind Grund fuer einen Feiertag.

Meine Tagebucheintragung ueber eine Hochzeit in SL macht deutlich, wie wichtig der Erhalt oder gar die Verbesserung des sozialen Ranges ist, wenn sich zwei zusammen tun: Kastenzugehoerigkeit (ja, auch in einem vermeintlich buddhistischen Land), Religionszugehoerigkeit, Einkommen, Aussehen (Groesse, Helligkeit der Haut), Besitz der Eltern, formale Bildung spielen dabei die groesste Rolle, Liebe in der Regeln erstmal keine. Am besten, du entstammst einer angesehenen, hellhaeutigen singhalesischen Familie aus Kandy. Deine Karten sind schlechter, wenn deine Familie Tamilen sind und dann auch noch aus Batticaloa kommen. Manche Einheimische mit niederlaendischen Vorfahren (sogen. Burger), legen Wert darauf, sich von denen mit portugiesischen Vorfahren abzuheben etc.

Innerhalb der Familie hat jeder seinen Platz (und Rang). Die Verwandtschaftsbenennungen sind Ausdruck davon: Du rufst deine Schwester, deinen Bruder nicht beim Namen, sondern sprichst ihn bzw. sie mit grosse/kleine Schwester bzw. kleiner/grosser Bruder an. Es gibt extra Bezeichnungen fuer den aelteren Bruder des Vaters und den juengeren Bruder des Vaters etc. Idealerweise, aber nicht taeglich praktiziert, verehren ("worship") die Kinder ihre Eltern morgens und abends, indem sie mit gefalteten Haenden den Boden vor ihnen beruehren. Ich habe gesehen, wie auch Ehepaare diesen Brauch gegenueber Eltern/Schwiegereltern pflegen.

Die meisten Familien haben heute 2-3 Kinder. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Verwandten sich fragten, was mit der Schwiegertochten/dem Schwiegersohn nicht stimmt, wenn nicht spaetestens 12 Monate nach der Heirat ein Kind gezeugt war. Die letzte Information ist aus zweiter Hand; ich entnehme sie dem Buch "Culture Shock - a Guide to Customs and Etiquette. Sri Lanka".

Nicht alle Familien sind intakt. Das weiss ich aus Erzaehlungen meiner Kolleginnen in einer Grundschule. Trinkende und pruegelnde Vaeter, Muetter, die in Dubai arbeiten (und dort sexuell ausgebeutet werden), Waisen aus der Tsunami Tragoedie, allgemeine Armut sind die Hintergruende. Ein Beispiel ist die Oma in `meiner` Familie. Ihr Mann glaubte, sein Geld bevorzugt fuer Alkohol und Tabak ausgeben zu muessen. Sie brachte die 4 Kinder durch Rotibacken durch (eine Art Pfannkuchen), die die Soehne vor dem Schulunterricht an Staende verkauften. Dafuer stand sie um 3 Uhr nachts auf und ermoeglichte den Soehnen eine gute Schulbildung. Chandana, einer der Soehne, verdient jetzt beim Sri Lankan Electricity Board 15.000 Rupees im Monat und bekommt eine Pension, auch wenn er wegen seiner angeschlagenen Gesundheit frueh in Rente gehen muss. 15.000 R.s entspricht 150 EURO - ein gutes Gehalt. Ein Lehrer an einer Government School verdient ca. 8.000 R.s. Die meisten Kinder aus solchen Verhaeltnissen haben aber keine Chance, denn die stattlichen Schulen sind lausig.

Die Familien, die ich kennen lernte, streben nach Bildung (es sei denn sie hatten so viel Kohle, dass ihnen dies nicht noetig schien). Das hoechste der Gefuehle ist ein Studium mit anschliessendem Job in England oder Australien. Reicht die formale Bildung nicht, ist es attraktiv, Kellner oder gar Koch im arabischen Raum oder in Europa zu sein. Man bleibt ein paar Monate oder Jahre dort, schickt das Geld nach Hause und baut davon ein Haeuschen oder macht sich als Bizinisman (bevorzugte Orthographie meiner Schueler) selbststaendig. Kuerzlich war ich mit meiner Gastfamilie anlaesslich des 10. Hochzeitstages auswaerts essen. Die Besitzerin des Restaurants "Curry Blaetter" (ja, auf Deutsch) berichtete stolz, ihr Mann arbeite fuer 3 Monate als Kellner in Schweden - und zwar in einer Stadt namens Zuerich. Soweit entfernt ist Europa.

Die traditionelle singhalesischen Familie findet man in laendlichen Gegenden, und das ist natuerlich der weitaus groesste Teil der Insel. Auf meinem taeglichen Weg zum Tempel empfinde ich sie als gastfreundlich, herzlich und mir Fremden gegenueber als aufgeschlossen bis neugierig. Ich hoere fast nie ein Urteil von ihnen. Wenn es so etwas wie Schuld oder schlechtes Gewissen gibt, so ist es zumindest nicht sichtbar fuer mich. Bestimmte Erscheinungen, die im Widerspruch zur geltenden Moral stehen - z.B. rauchende Priester - werden nicht zur Kenntnis genommen, denn nicht sein kann, was nicht sein darf. Ueber bestimmte Dinge spricht man nicht. Als ich einen Hotelmanager fragte, wie es war, als der Tsunami sein Hotel traf, sagte er: "We changed the matresses."

Herzliche Gruesse von Uschi

Tuesday, December 06, 2005

 

Englischunterricht im Kloster - revisited

Ihr Lieben,

ich will mich nicht daran gewoehnen: Alles, was die Moenche gelernt haben, ist Abschreiben, Einbimsen, Nachleiern, schoen Malen. Mitdenken: 0. Transfer von einem Beispiel auf ein fast gleiches: 0. Abstraktionsvermoegen: 0. Eigeninitiative: hoch, wenn es darum geht, Spiele zu spielen: "Game, game!"

Mind you, wir kommen prima miteinander klar. Gestern sagten die Moenche, sie sind traurig, wenn ich sie Ende der Woche verlasse: "You always happy." Eigentlich bin ich nicht happy sondern genervt, aber offenbar verfuege ich ueber hinreichend professionelle Routine, um auch den kleinsten Fortschritt lobend zu begleiten. Ausserdem mag ich die Moenche als individuelle Kinder und Jugendliche. Irgendwie geben sie sich ja auch Muehe, und irgendwo koennen sie ja auch nichts dafuer. Stoehn.

Gestern z.B. erlaeuterte ich einer Gruppe von 15 11-14-jaehrigen Moenchen ein paar Praepositionen. Ich male also Kaninchen vor, hinter, auf, in, ueber, unter und zwischen Schachteln an die Tafel ("rabbit" ist halt ein Wort, das jedes Kind hier kennt, und "box" ist leicht auszusprechen). Ich schreibe den Satz jeweils daneben. Den sprechen die Moenche dann nach. Sobald ich zu malen beginne, kommt die Frage "Copy?" Ich antworte: "yes, copy." - anfangs um sie zu beschaeftigen und um Zeit totzuschlagen. Inzwischen verstehe ich, dass die Kopiererei nicht ganz hirnrissig ist, denn manche brauchen die Schreibuebung wie in der 1. oder 2. Klasse. Ich male ein Auto zwischen einem Haus und einem Baum und schreibe den Satz dazu. Ich lasse ihn nachsagen: "The car is between the house and the tree." Ich frage auf Englisch, dann auf Singhalesisch "Wo ist das Auto?" Sie wiederholen "Where is the car?" Ich sage auf Singhalesisch: "Nein, nein. Antwort geben." Grosse Augen. Ich deute auf den Satz an der Tafel und wiederhole die Frage. Grosse Augen, dann: "In the box?"

Ich erklaere den aelteren, 14-17-jaehrigen Moenchen Komparativ und Superlativ. Sie kennen die Begriffe von ihrem Englischlehrer. Ich schreibe alles an die Tafel, male lange, laengere, laengste Flaschen dazu, beautiful, more beautiful, most beautiful monks, naguhty, naughtier, naughtiest boys. (Sie lieben den Ausdruck "naughty boy" und bezichtigen sich pausenlos gegenseitig, naughty - wahlweise auch monkey, donkey, camel - zu sein.) "Do you understand?" - "Yes, understand." Die Uebung dazu geht dann aber voellig daneben. Es war ihnen unmoeglich, einen einzigen logisch oder wenigstens grammatisch korrekten Vergleich anzustellen. Ich frage euch (nur fuer Nick: wiss tears in my eyes), wie kann B groesser als A sein und A gleichzeitig groesser als B? Wie kann ein Satz "The first ball is biggest than." lauten, wenn 5 Mustersaetze zur Verfuegung stehen?

Manchmal bitte ich die juengeren Moenche, etwas zu malen, um von ihrem und letztendlich meinem Frust wegzukommen. Sie malen formvollendete Elefanten, elaborierte Bluetenmuster, manchmal auch tadellose Flugzeuge und Autos. Alles ist gut gelungen.

Ueberhaupt scheinen sie eine ausgepraegte Wahrnehmung fuer Muster zu haben. Ihre Lieblingsbeschaeftigung waehrend des Unterrichts ist das Memory-Spiel, das ich in Bremen notduerftig ausgeschnitten und zusammengeklebt hatte. Auf der Rueckseite scheint das Muster der Pappe durch, auf die ich die Paare von Tiermotiven geklebt habe. Anfangs glaubte ich an buddhistischen Zauber, so schnell hatten sie die Paare beisammen. Sie mussten mich erst auf die Idee bringen, keine Ablegestellen zu memorieren, sondern von den durchscheinenden Musterverlaeufen auf den Rueckseiten zu schliessen. Ich hab`s trotzdem nicht kapiert. Unterschiedliche Sorten von Intelligenz.

Manchmal, wenn ich morgens in den Tempel komme, ist ein Moenchlein erst mal dabei, sorgfaeltig den Fussboden zu fegen. Auf dem Hof fegt immer irgendein Moench den Sand. Vor dem Tempeltor tummeln sich Hunde. Manchmal trabt ein Rindvieh vorbei. Grinsender Kommentar meiner Schueler: "Naughty bull." Bespringt ein Ruede eine Huendin, werden sie auseinander getrieben. Gestern sass ein Moench aus Korea auf den Stufen zum Schulraum - vermutlich, um ein paar Sprachfetzen zu hoeren, die ihm vertraut sein wuerden, denn er spricht kein Singhalesisch. Heute hat er mir eine Gebetskette geschenkt. Als ich vorhin den Tempel verliess, massierte ein kleiner Moench eine Stelle auf der Handflaeche des koreanischen Moenchs. Letzte Woche hat sich ein Tempeldiener (kein Moench - so weit kommt es noch) zu Tode gesoffen, erzaehlte mir einer der aelteren Moenche.

Leider duerfen die Moenche nicht singen. Das bedauern wir alle. Sie moechten es gerne, schlugen es sogar schon mal vor. Als ich dann fragte "Are monks allowed to sing?" sagten alle "no." und grinsten. Ich singe dann "When you`re happy and you know it clapp your hands ... stomp your feet .... shout hurrah." Sie machen dann das Klatschen, Trampeln und Rufen mit. So mogeln wir uns durch.

Herzliche Gruesse von Uschi

P.S. Letzte Annaeherung an die Schlange: Die rat-snake ist eine rattle-snake - also eine gewoehnliche Klapperschlange.

Sunday, December 04, 2005

 

Was ich mag

Ihr Lieben,

ich mag die eifrigen Stimmen, wenn Vidushi und Tharushi das Einmaleins aufsagen oder die Wochentage singen. Ich mag die Art, wie ihre Privatschule organisiert ist - nach Haeusern (Cignus, Ursa, Aquila, Cetus). Die Sportfeste sind wie Olympiaden: Ein olympisches Feuer wird entfacht, jeder Hausrepraesentant schwoert den olympischen Eid. Die Teilnehmer werden namentlich aufgerufen. Alle Eltern sehen zu; manche nehmen gar an einem Elternwettlauf teil. Neben den ueblichen gibt es Faecher wie Human Values, Speech & Drama, Effective Speech, Health Education. Nachmittags koennen die Kids Schach lernen, Tennis, Badminton, Debattieren, Schwimmen. Mir wird die Atmosphaere der Abwertung in unserem Bildungssystem doppelt bewusst.

Ich mag es, wenn die kleine Kusine mich besuchen kommt. Sie versteht nicht, dass ihr Vater bei dem Versuch, einen Brand zu loeschen, starb. Sie will auf den Arm genommen werden und Woerter nachsagen.

Ich mag die grossen Augen der Kinder, ihr Laecheln. Ein Klischee, aber es ist so. Die Rufe der Kinder, wenn ich spazieren gehe oder zum Tempel, durch mein Dorf oder die Eisenbahnlinie am Meer entlang (wo der Tsunami zuschlug). "Hello, Ursula Teacher!" Diejenigen, die meinen Kontext nicht kennen: "Hello Bonbon!" Offenbar verteilen die deutschen Touris Bontschen.

Die orangenen Roben der Moenche sind ein Augenschmaus, der immer und ueberall unvermittelt erfreuen kann. Schoen ist der aufrechte, gelassene Gang der Menschen in meinem Dorf. Selbst im Alltagsgeschaeft gibt es keine Eile. Das Bild der Maenner, die ihre Frauen, Toechter, Schwestern auf den Querstangen ihrer alten Fahrraeder an den Schlagloechern vorbeibalancieren strahlt eine ueberraschende Intimitaet aus, weil sich Frauen und Maenner in der Oeffentlichkeit ansonsten nicht beruehren.

Ich mag den tropischen Ohrenkitzel kurz vor der Morgendaemmerung. Das Zirpen, sanfte Pfeifen, schrille Rufen, Gurren, Kraechzen, Zwitschern, Quaken, Trillern, Fiepen, Gluckern, Schnalzen der Voegel bilden ein kontinuierliches Hintergrundgeraeusch. Ab und zu draengen sich andere Rufe in den Vordergrund: die Hunde (Schauder), ein Paar Katzen und Undefinierbares. The mind boggles. (Wer hat eine gute Uebersetzung dafuer? Mir faellt spantan nur "Man fragt sich ..." ein) Eine Art inhalierendes dumpfes Husten wuerde ich ich den Affen zuschreiben. Es ist aufregend und bequem, unter dem Moskitonetz zu liegen, umschmeichelt von meinem Seidenschlafsack (Manufaktum, 10 EURO) zu lauschen und wegzudaemmern.

Um 5 morgens startet der Tempelgesang von enem Tonband. Kein Argernis wie penetrante Kirchenglocken, sondern beruhigend und ein Anlass, noch eimal fuer ein halbes Stuendchen zu entschlummern.

Herzliche Gruesse von Uschi

Friday, December 02, 2005

 

Kulturschock

Ihr Lieben,

die Lieblingsbeschaeftigung meiner Schueler ist "copy". Vielleicht ist es eine Leistung kultureller Anpassung, wenn ich heute mal das gleiche tue. Ich lese ein Buch mit dem Titel "Culture Shock - Sri Lanka". Es spendet mir Trost, wenn mir der Kontakt zu Menschen aus meiner Kultur fehlt. Trevor, der Mitbewohner in meiner Familie, ist vor 2 Wochen abgereist. Ich zitiere also aus dem Buch. um mir selbst zu beweisen, dass ich normal bin. Es geht um Phasen des Kulturschocks. Da ihr ja alle des Englischen maechtig seid, uebersetze ich nicht.

1. Fascination

An initial period of time when everything is new; there are seemingly few problems since everyone is being extremely accomodating and the predominant feeling is one of exhilaration at being at last overseas after a long period of anticipation.

(hielt bei mir ca. 5 Tage an)

2. Friendship

Immediately following the initial euphoria comes the stage in which the need to build a new social structure to replace the one left behind becomes paramount. At this time there is an understandable, but potentially dangerous, tendency to gravitate exclusively to the company of one`s fellow expatriates for friendship, and to take refuge in the familiar - a situation which can easily solidify into the `we-they` syndrome in the third stage.

(war in meinem Fall aus Mangel an fellow expatriates nicht moeglich. Stattdessen versandte ich e-mails an euch, begann den Blog und schrieb SMS, die aber nur bei 2 Personen ankamen. Einiges an Frustablassen holte ich nach, als ich nach 1 Monat mit Trevor reden konnte; die Erleichterung darueber beruhte auf Gegenseitigkeit.)

3. Frustration

... a stage of depression begins, where the problems and difficulties that are inevitably part of the adjustment process seem to outweight any possible, or potential, sense of achievement. The people seem to become intransigent, the physical environment unpleasant and the demands of the job impossible to fulfill, with the result that hostility towards the host country and those who are in authority in it becomes the predominant emotion, and homesickness results - sometimes to such a degree that there is a tendency to decide that the whole experience is not worth it and that an early return is preferable to remaining permanently miserable.

(Diese Phase ist in meinem Online-Tagebuch nicht zu uebersehen. Ich bin dankbar fuer jede Reaktion darauf, weil ich eurer Mitgefuehl und auch einfach den Kontakt brauche.)

4. Fulfillment

Fortunately, altough the previous stage can be very difficult to live through, it does usually come to an end with the growth of cultural awareness, and leads into a period in which the experience of being overseas becomes both fulfilling and rewarding. The onset of this phase stems from a personal realisation and acceptance that the new environment, in all its aspects, is unlikely to change and so that if the experience is to be satisfying it is the individual who must adapt himself to his new environment by learning to operate within its confines...

(!)

Coping with `culture shock` is a common part of the overseas experience and, as such, its symptoms need to be shared rather than suffered in silence. ... recording one`s experiences in a journal and writing letters are also very therapeutic. Remember to tell friends and relatives to write to you regularly, and not necessarily to wait for your return letter before answering. Receiving letters can be very reassuring and allow you to get on with establishing your daily routine without worries.

(Wink mit dem Zaunpfahl an alle, die etwas Zeit uebrig haben)

Herzliche Gruesse von Uschi

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