Tuesday, December 06, 2005

 

Englischunterricht im Kloster - revisited

Ihr Lieben,

ich will mich nicht daran gewoehnen: Alles, was die Moenche gelernt haben, ist Abschreiben, Einbimsen, Nachleiern, schoen Malen. Mitdenken: 0. Transfer von einem Beispiel auf ein fast gleiches: 0. Abstraktionsvermoegen: 0. Eigeninitiative: hoch, wenn es darum geht, Spiele zu spielen: "Game, game!"

Mind you, wir kommen prima miteinander klar. Gestern sagten die Moenche, sie sind traurig, wenn ich sie Ende der Woche verlasse: "You always happy." Eigentlich bin ich nicht happy sondern genervt, aber offenbar verfuege ich ueber hinreichend professionelle Routine, um auch den kleinsten Fortschritt lobend zu begleiten. Ausserdem mag ich die Moenche als individuelle Kinder und Jugendliche. Irgendwie geben sie sich ja auch Muehe, und irgendwo koennen sie ja auch nichts dafuer. Stoehn.

Gestern z.B. erlaeuterte ich einer Gruppe von 15 11-14-jaehrigen Moenchen ein paar Praepositionen. Ich male also Kaninchen vor, hinter, auf, in, ueber, unter und zwischen Schachteln an die Tafel ("rabbit" ist halt ein Wort, das jedes Kind hier kennt, und "box" ist leicht auszusprechen). Ich schreibe den Satz jeweils daneben. Den sprechen die Moenche dann nach. Sobald ich zu malen beginne, kommt die Frage "Copy?" Ich antworte: "yes, copy." - anfangs um sie zu beschaeftigen und um Zeit totzuschlagen. Inzwischen verstehe ich, dass die Kopiererei nicht ganz hirnrissig ist, denn manche brauchen die Schreibuebung wie in der 1. oder 2. Klasse. Ich male ein Auto zwischen einem Haus und einem Baum und schreibe den Satz dazu. Ich lasse ihn nachsagen: "The car is between the house and the tree." Ich frage auf Englisch, dann auf Singhalesisch "Wo ist das Auto?" Sie wiederholen "Where is the car?" Ich sage auf Singhalesisch: "Nein, nein. Antwort geben." Grosse Augen. Ich deute auf den Satz an der Tafel und wiederhole die Frage. Grosse Augen, dann: "In the box?"

Ich erklaere den aelteren, 14-17-jaehrigen Moenchen Komparativ und Superlativ. Sie kennen die Begriffe von ihrem Englischlehrer. Ich schreibe alles an die Tafel, male lange, laengere, laengste Flaschen dazu, beautiful, more beautiful, most beautiful monks, naguhty, naughtier, naughtiest boys. (Sie lieben den Ausdruck "naughty boy" und bezichtigen sich pausenlos gegenseitig, naughty - wahlweise auch monkey, donkey, camel - zu sein.) "Do you understand?" - "Yes, understand." Die Uebung dazu geht dann aber voellig daneben. Es war ihnen unmoeglich, einen einzigen logisch oder wenigstens grammatisch korrekten Vergleich anzustellen. Ich frage euch (nur fuer Nick: wiss tears in my eyes), wie kann B groesser als A sein und A gleichzeitig groesser als B? Wie kann ein Satz "The first ball is biggest than." lauten, wenn 5 Mustersaetze zur Verfuegung stehen?

Manchmal bitte ich die juengeren Moenche, etwas zu malen, um von ihrem und letztendlich meinem Frust wegzukommen. Sie malen formvollendete Elefanten, elaborierte Bluetenmuster, manchmal auch tadellose Flugzeuge und Autos. Alles ist gut gelungen.

Ueberhaupt scheinen sie eine ausgepraegte Wahrnehmung fuer Muster zu haben. Ihre Lieblingsbeschaeftigung waehrend des Unterrichts ist das Memory-Spiel, das ich in Bremen notduerftig ausgeschnitten und zusammengeklebt hatte. Auf der Rueckseite scheint das Muster der Pappe durch, auf die ich die Paare von Tiermotiven geklebt habe. Anfangs glaubte ich an buddhistischen Zauber, so schnell hatten sie die Paare beisammen. Sie mussten mich erst auf die Idee bringen, keine Ablegestellen zu memorieren, sondern von den durchscheinenden Musterverlaeufen auf den Rueckseiten zu schliessen. Ich hab`s trotzdem nicht kapiert. Unterschiedliche Sorten von Intelligenz.

Manchmal, wenn ich morgens in den Tempel komme, ist ein Moenchlein erst mal dabei, sorgfaeltig den Fussboden zu fegen. Auf dem Hof fegt immer irgendein Moench den Sand. Vor dem Tempeltor tummeln sich Hunde. Manchmal trabt ein Rindvieh vorbei. Grinsender Kommentar meiner Schueler: "Naughty bull." Bespringt ein Ruede eine Huendin, werden sie auseinander getrieben. Gestern sass ein Moench aus Korea auf den Stufen zum Schulraum - vermutlich, um ein paar Sprachfetzen zu hoeren, die ihm vertraut sein wuerden, denn er spricht kein Singhalesisch. Heute hat er mir eine Gebetskette geschenkt. Als ich vorhin den Tempel verliess, massierte ein kleiner Moench eine Stelle auf der Handflaeche des koreanischen Moenchs. Letzte Woche hat sich ein Tempeldiener (kein Moench - so weit kommt es noch) zu Tode gesoffen, erzaehlte mir einer der aelteren Moenche.

Leider duerfen die Moenche nicht singen. Das bedauern wir alle. Sie moechten es gerne, schlugen es sogar schon mal vor. Als ich dann fragte "Are monks allowed to sing?" sagten alle "no." und grinsten. Ich singe dann "When you`re happy and you know it clapp your hands ... stomp your feet .... shout hurrah." Sie machen dann das Klatschen, Trampeln und Rufen mit. So mogeln wir uns durch.

Herzliche Gruesse von Uschi

P.S. Letzte Annaeherung an die Schlange: Die rat-snake ist eine rattle-snake - also eine gewoehnliche Klapperschlange.

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