Tuesday, November 29, 2005

 

Waschen

Ihr Lieben,

ich bewundere die Menschen in Sri Lanka fuer ihre Reinlichkeit. Wie schaffen sie es nur, in diesem Dreck ihre Kleidung sauber zu halten? Die Kids tragen weisse Schuluniformen, die Frauen tragen tadellose Sarees, die Maenner gebuegelte Hemden zu sauberen Hosen oder Sarongs. Am schmutzigsten sind immer noch wir Volunteers; jedenfalls wuerde ich das fuer mich behaupten. Schon nach einem Tag in Colombos Strassen ist ergeben meine Klamotten eine graue Bruehe, wenn ich sie wasche.

Waesche waschen ist eine der Hauptbeschaeftigungen der Muetter. In meiner ersten Familie wusch jeder seine Waesche selbst als Handwaesche. Ich kann das zumindest fuer die Frauen behaupten. Was die Maenner tun, entzieht sichmeiner Beobachtungsmoeglichkeit. Die Waesche wird in der Regel zusammen mit der Koerperpflege erledigt. Die Frauen kommen dann mit ausgewrungener Waesche und einem Handtuch um den Koerper aus dem Bad.

Meine Familie in Molligoda hat eine Waschmaschine, der ich allerdings misstraue. Wie schon bei der Handwaesche, wird auch hier kalt gewaschen, denn warmes Wasser gibt es natuerlich nicht. Taeglich sehe ich die Familienklamotten in grau-schwarzer Bruehe in der nach oben offenen Maschine liegen. Meine Waesche halte ich dieser Maschine lieber fern. Ich bitte um einen Topf voll heissen Wassers und wasche per Hand. Das Wasser wird auf offenem Holzfeuer oder auf dem Gaskocher fuer mich erhitzt.

Das Trocknen der Waesche ist einer besonderen Erwaehnung wert. Alles, was ausserhalb des Hauses eine Flaeche bildet, wird zum Waescheauslegen verwendet: Der Grasstreifen an der Strasse, das Dach, die Buesche im Garten, der Stacheldrahtzaun und manchmal gar eine Waescheleine. Manche Arten, die Waesche zu trocknen, sind mir suspekt; ich vermute, die Waesche ist nach dem Trocknen schmutziger als vor dem Waschen - insbesondere wegen der Kuehe und Abgase. Ich trockne meine Unterwaesche deshalb in meinem Zimmer. Anderes kommt schon mal auf eine Waescheleine - eine bevorzugte Ameisenstrasse. Seit tagsueber die Sonne scheint, bin ich mit den Trockenmethoden laxer geworden, denn die Sonne hier trocknet enorm schnell. Ich aergere mich aber noch immer, wenn die Oma meine Klamotten liebevoll auf den rostigen Stacheldraht in die Sonne umhaengt.

Beide Gastfamilien haben Duschen. Sie werden aber nur von mir benutzt. Neben der Dusche steht ein grosser Plastikbottich, in dem ein kleiner Eimer liegt. Die Einheimischen bevorzuegn die traditionelle Methode des Duschens: Der Eimer wird gefuellt und einige Male wohlig ueber den Kopf gegossen. Soweit die Koerperpfelge aus Mangel an Badezimmern in der Oeffentlichkeit stattfindet, tragen die Maenner einen kurzen Sarong und die Frauen ein Badekeid. Nicht nur fuer Maenneraugen sehen die Frauen mit nassem Badekleid auesserst attraktiv aus. Man seift sich heftig ein und giesst dann Wasser ueber sich oder taucht einige Male in den Fluss ein. Gestern sah ich den Jungen von nebenan eingeseift auf seinem Dach stehen. Dort verbringt er Stunden und ruft nach den Voegeln. Durch Schnalzen und Klatschen versucht er, sie zu irgend etwas mir Unverstaendlichem zu veranlassen.

Arme Leute verwenden das Meer als Toilette (Das erzaehlte mir ein Entwicklungshelfer). Andere gehen vermutlich, wie in Indien, in die Felder. Hier in der Naehe hat man versucht, die Tsunamiopfer an Trockentoiletten der schwedischen Ferienhausmachart zu gewoehnen, denn ihre Haeuser sind an keine Kanalisation angeschlossen. Das ging nicht, weil die Maenner sich weigerten, die Klos zum Ausschuetten zu tragen. Fuer die Frauen sind sie zu schwer. Ich hoere, jetzt sollen kleinere Behaeltnisse gebaut werden, so dass die Frauen sie tragen koennen. Ziel ist es, das Meer reiner zu halten. Die Touris wissen nichts davon.

Meine beiden Gastfamilien haben normale Toiletten und nicht das Loch im Boden, das einige von euch wahrscheinlich aus Frankreich kennen. Die neue Familie stellt sogar Klopapier zur Verfuegung. Trotzdem gehoert zu jeder Toilette eine extra Minidusche, mit der man sich den Hintern waescht. Die Einheimischen trocknen sich danach nicht ab. Das habe ich natuerlich nicht beobachtet, doch diese Frage hat mich beschaeftigt, seit ich vor 20 Jahren in Indien war, und ich fragte eine hiesige Bekannte danach. Wer Salman Rushdies Midnight Children gelesen hat, erinnert sich vielleicht an das Staunen eines der Protagonisten, als seine Mutter ihm erzaehlt, dass sich die Euopaer nicht nach dem Gang auf die Toilette waschen. Er glaubt es ihr nicht, bis er in England eines Besseren belehrt wird. Ich finde die kulturelle Bedingtheit von Sauberkeitsempfinden und Ekel interessant.

So much for today.

Eure Uschi

P.S. Nachtrag zur Fauna: Sah gestern meine erste grosse, lebhaft zuengelnde Schlange. Sie wollte die Strasse ueberqueren, als ich mein ungluecksseliges rosa Kinderrad nach Hause schob.

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