Sunday, November 13, 2005

 

Meine neue Gastgeberfamilie

Ihr Lieben,

das Gute an einem Wechsel der Gastgeberfamilie ist der Gewinn an neuen Eindruecken. Wie gesagt, wohne ich jetzt in einem Dorf an der Suedkueste. Es ist nicht vom Tsunami betroffen, da 5 km entfernt vom Wasser.

Die Familie besteht aus Oma, Eltern und zwei Maedchen, 5 und 9. Ausserdem wohnte bis heute noch ein britischer Volonteer hier, Trevor, 66. Oma, Vater (Chandana) und die Maedchen sind spindelduerr, haben abstehende Ohren und wunderbare grosse Augen. Amme (Mutter) ist etwas molliger und hat die Hosen an. Die Familie wuerde wohl als Mittelklassefamilie zaehlen.

Die Oma erledigt Dinge im Haushalt, passt mal auf die Kinder auf, macht uns mal Tee. Jeden Abend sitzt sie dicht vor der Wand in einer Nische unter der Treppe und absolviert ihre Gebete. Vorher zuendet sie Raeucherstaebchen an. Man weiss, wann sie im Hause ist, weil sie Selbstgespraeche fuehrt. Sie ist eine ganz Liebe.

Chandana ist wohl der liebevollste Vater, den ich bisher gesehen habe. Er arbeitet in Colombo im Sri Lankan Electricity Board. Jeden morgen um 7 verlaesst er das Haus auf seinem klapprigen Fahrrad, faehrt zur Bushaltestelle und mit dem Bus (0der Bahn?) die 40 km nach Colombo. Ausserdem erledigt er die Waesche, das Buegeln und allerhand anderes im Haus.

Jayana, die Mutter, versucht sich als Businessfrau: Sie beliefert die Hotels im Umkreis von 30 km mit Klopapier, Papierservietten, Zahnstochern, Desinfektionsmitteln, Wasserflaschen, Schwaemmen, Putztuechern. Deshalb ist unser Haus voll davon. Da sie keinen Lieferwagen hat, muss sie anlaesslich jeder Lieferung das Dreiradauto bezahlen und streng kalkulieren. Ihr Traum zur Zeit ist ein eigener Lieferwagen fuer etwa 9.000 EURO neu. Sie will einen Kredit bei der Bank aufnehmen und das Teil 2 Jahre lang leasen und dann abbezahlt haben. Ihr Bruder wuerde es fahren und zur besseren Ausnutzung der Investition einen Schulbring und -abholdienst aufziehen. Ausserdem macht sie Dinge im Haushalt und ist zusammen mit den anderen Erwachsenen fuer uns Gaeste zustaendig - vor allem kochen und beraten. Sie bekommt von unserer Organisation 8.500 Rupees pro Person und Monat; das sind zwei zusaetzliche ordentliche Monatsgehaelter nach hiesigem Standard.

Das wichtigste Anliegen der Familie ist es, die beiden Toechter Vadushi und Tharushi in eine internationale Privatschule im Nachbarort schicken zu koennen. Die Schule kostet 10.000 Rupees pro Kind und Monat, also ca. 100 EURO. Zusaetzlich faellt Geld fuer den Minibus an, der die Kinder faehrt. Dieser Aufwand lohnt, wenn dir die Chancen deiner Tochter etwas wert sind. Diese Privatschule ist ungleich besser als die Schule fuer meist arme Kinder, in der ich unterrichte. Ich sehe es an den Heften und Aufgaben, die die Kids bekommen. Vom ersten Schuljahr an, d.h. im Alter von 5, werden alle Faecher auf Englisch unterrichtet - ausser Sinhala natuerlich. Die 9-jaehrige Tochter spricht viel besser Englisch als der 20-jaehrige Sohn in meiner ersten, sehr reichen Familie, der erst spaet einen teuren Englischkurs auf einer Privatschule in Kandy besucht hat. Vadushi will Aerztin werden und ist ehrgeizig. Gleich am ersten Tag zeigte sie mir ihre Zertifikate fuer besonders gute Leistungen und 100-prozentige Anwesenheit. Sie schlaegt mich in Schach - was zwar einfach ist, aber immerhin - ein 9-jaehriges Kind! An einem der langen Wochenenden fuhr sie taeglich nach Colombo, um an einem Schachtournier fuer Kinder teilzunehmen. Sie verlohr, freute sich aber ueber die neuen Tricks, die sie dort lernte. Gegen die 14-jaehrige Tochter in meiner alten Gastfamilie gewann ich. Mich faszinieren diese Unterschiede. So viel spricht fuer fruehes Lernen. Die Kids haben Faecher wie Science, Human Values (finde ich klasse), Buddhismus und andere Religionen, Mathe, Englisch, Tanzen, Werken.

Die Familie steht gegen 5 Uhr auf. Die Maedchen verlassen um 6.30 das Haus, der Vater bald danach. Die Mutter beginnt dann ihre Geschaeftstelephonate und Auslieferungen. Gegen 15 Uhr kommen die Maedchen nach Hause. Die Familie geht gegen 10 Uhr schlafen, manchmal spaeter. Alle scheinen in einem Zimmer zu schlafen, waehrend Trevor und ich je ein Zimmer fuer uns haben. Wir schlafen im Obergeschoss. Unsere Zimmerdecke sind die nackten Dachziegel, durch die schon mal ein Regentropfen kommt, Vogelscheisse und das eine oder andere Blatt. Das haelt sich aber in Grenzen. Wir haben unser Badezimmer unten. Es hat ein echtes Klo und sogar Klopapier. Die Dusche ist wie immer offen im Raum. Ausserem steht im Bad eine Waschmaschine, derer ich mich wohlweisslich wenig bediene. Wo sich die Familie waescht, weiss ich noch nicht. Es gibt eine Kueche mit Gaskocher und offenem Feuer. Wenn ich Waesche wasche, bitte ich darum, einen Topf Wasser fuer mich zu kochen. Das benutze ich fuer Handwaesche, die einigermassen hygienisch sauber sein sollte. Ich mag es nicht, wenn Chandana oder Jayana meine Waesche in die Finger kriegen. Sie landet dann zwischenzeitlich auf dem immer nassen, dreckigen Fussboden, wird natuerlich nur kalt gewaschen und dann ueber Buesche, rostige Stacheldraehte mit Ameisenstrassen und dergleichen gehaengt.

Wenn ich keine Schule habe, sitze ich mit den Maedchen, die ich sehr mag, unten und male etwas mit ihnen, sehe ihr Schulhefte an oder spiele mit der Kleinen Flugzeug. Oft sitze ich in meinem Zimmer und lese oder bereite Unterricht vor.

So viel fuer heute.

Herzliche Gruesse von Uschi

Comments: Post a Comment

<< Home

This page is powered by Blogger. Isn't yours?