Wednesday, November 30, 2005
Essen
Ihr Lieben,
gestern sah ich die Schlange wieder - diesmal vor unserem Haus. Es ist eine "rat snake". Sie ist nicht giftig, sondern verschlingt Ratten und Aehnliches. Ooops, Thema verfehlt.
Als ich vor 20 Jahren nach 5 Wochen Indien zurueck kehrte, hatte ich 6 Kilo Koerpergewicht verloren - Durchfall (bzw. Bombay Dance). Hier ereilt mich das Gegenteil. Die Ursache ist mir nicht klar. Psychosomatische Verschlossenheit? Ernaehrung?
Das Fruehstueck war immer ein Problem. In aergerlicher Anpassung an meinen vermeindlich angelsaechsischen Geschmack bekomme ich Labberweissbrot der britischen Machart vorgesetzt. Teller und Besteck sind nass. Vor mir stehen Marmite, Margarine, Chillipaste, Zucker, Industriemarmelade. Diese Problem habe ich jetzt aber auf zweierlei Weise geloest. Zum einen machte ich durch ueberdeutliches Lob fuer die selbstgebackenen Rotis (Mehl, Kokosflocken, Salz, Wasser) deutlich, dass ich sie den abgepackten Waschlappen - wie ich sie seit 40 Jahren nenne - vorziehe. Ausserdem kaufe ich Mangos und Ananas, die ich der Oma zur Zubereitung uebergebe (ich habe in der Kueche zum Glueck - Ameisen, Schmiere - nichts zu suchen). Zusaetzlich habe ich eine fuer hiesige Verhaeltnisse suendhaft teure Packung All Bran gekauft, die ich zunaechst mit Joghurt zu essen gedachte, bis ich merkte, dass ungezuckerter Joghurt nicht zu haben ist. Jetzt mische ich stattdessen Bueffel-Curd mit etwas Wasser.
Ich lebe seit 2 Monaten vegetarisch mit Ausnahme des Intervalls im Hotel. Zum Mittagessen bekomme ich einheimische Kost. Sie entspricht in etwa dem, was ich mir zu Hause selber koche: Gemuese-Curry mit Reis. Ich geniesse verschiedenste in Europa voellig unbekannte Gemuesesorten. Darueber hinaus gibt es Bohnen-, Peperoni-, Kuerbis-, Moehren-, und rote Beete-Curry. Die Currys werden mit den ueblichen Gewuerzen und etwas Kokosnussmilch zubereitet. Immer gibt es Dal (gewuerzter Linsenbrei) dazu. In Ratnapura assen wir roetlichen Reis, hier an der Suedkueste weissen. Zu den Currys wird Papadam gereicht. In den einheimischen Restaurants und auch in der Familie in Ratnapura gehoerte zu jeder Mahlzeit ein Schaelchen voll Sambul. Sambul besteht aus Kokosraspeln, zerkleinerten trockenen Chillis, Ziebeln, Salz und getrocknetem Minifisch. Die meisten Einheimischen, auch die Moenche, essen Fleisch, hauptsaechlich Haehnchen und sehr viel Fisch unterschiedlichster Art. Wenn ich die Fliegen auf den Fischen in den Verkaufsstaenden sehe, lasse ich das lieber bleiben, wie der vorsichtige Bremer sagt.
Die hiesigen Desserts sind ziemlich suess und nichts fuer mich. Ganz angenehm ist noch eine Art Bueffel-Curd mit Honig oder eher Melasse. Das traditionelle Gebaeck ist auch nicht `my cup of tea` - zu wenig interessante Gewuerze, zu viel Oel. Nur ein kardamomhaltiges Gebaeck hat es mir trotz des Oelgehalts angetan. Kardamom ist und bleibt ein einziger Gottesbeweis; ich wuerde die Existenz von Mangos und Passionsfruechten als zusaetzliches Argument gelten lassen.
Ich lebe seit 2 Monaten abstinent. Es gibt Bier, Wein und Spirituosen fuer die Auslaender. Sogar mancher Singhalese trinkt Bier. Alkoholiker bedienen sich des Toddy-Gebraeus, als Destillat Arrack genannt. Toddy wird aus fermentiertem Palmsaft hergestellt. Toddy-Tapper, Palmstafteinsammler, ist ein Beruf, der auf Hochseilen zwischen den Palmen ausgeuebt wird. Ich habe noch keinen gesehen, obwohl ich in der Toddy-Gegend wohne. Wasser bekomme ich von meiner Familie in 1 1/2-Literflaschen zu 25 R.s (25 Cent) das Stueck. Das Leitungswasser wird aus einem Brunnen hochgepumpt. Ich wuerde es nur abgekocht trinken. Wenn ich vom Tempel zu Hause bin, bekomme ich eine Tasse Tee, manchmal mit Keksen. Wenn die Oma ihn bringt, streicht sie mir liebevoll ueber`s Haar.
Ich habe nicht ausprobiert, mit den Haenden zu essen; es kostet mich zu viel Ueberwindung. Ich bekomme ueberall Besteck, meist Loeffel und Gabel. Die Einheimischen mantschen genuesslich Reis und Curry auf ihrem Teller und fuettern auch die Kinder so. Sie benutzen die Finger ihrer rechten Hand. Die ganze Handflaeche zu verkleen (wie schreibt man das?), zeugt nicht von guten Manieren.
Vorbei sind die Zeiten loriot-verdaechtiger Szenen. Ihr kennt alle den Sketch mit dem Mann im Restaurant, der endlich sein Steak oder was immer in Ruhe verzehren will. Nun, genauso fuehlte ich mich, wenn ich in Ratnapura beim Essen sass. 3-4 Verwandte sahen stehend zu und fragten jede Minute, ob es schmeckt: "Rasai?" Ich: "Ou, hare rasai." (yes, very tasty) und schlinge mein Essen runter, um die Situation, unter der ich mich anfangs buchstaeblich wand, schnell zu beenden. Hier in Molligoda leistet mir Jayani, die Mutter, Gesellschaft und erzaehlt von ihren Geschaeften, oder Vidushi (8) isst mit am Tisch und erzaehlt von ihrer bloeden Englischlehrerin, von ihren Noten oder zeigt mir ihren ruehrenden Brief an die geliebte Science-Lehrerin, die die Schule leider verliess.
11.12.05 Nachtrag: Am meinem letzten Arbeitstag im Tempel lud mich der Leiter der Klosterschule zum Mittagessen ein. Er hatte selbst gekocht. Ich war der erste Volunteer, dem diese Ehre zuteil wurde. Es gab 4 verschiedene Gemuesecurries, Fischcurry (von dem ich nicht ass), 2 Salate und diverse Fruechte zum Nachtisch: Papaya, Granatfrucht, Mangos, Ananas. Das Gespraech war interessant. Dhammananda Thero promovierte zum Thema Kant und Buddhismus. Er wuerde sich zu gerne mal Koenigsberg ansehen. Ergebnis dieser ausgiebigen Mahlzeit war der gestrige Tag im Bett; das gesamte Mittagessen hatte schubweise seinen umgekehrten Weg genommen. Na, heute bin ich wieder gesund. Von Bombay Dance oder Delhi Belly also keine Spur. Mir war wohl der Salat zum Verhaengnis geworden. Dabei wusste ich doch: Never eat Rohkost in a country like this.
gestern sah ich die Schlange wieder - diesmal vor unserem Haus. Es ist eine "rat snake". Sie ist nicht giftig, sondern verschlingt Ratten und Aehnliches. Ooops, Thema verfehlt.
Als ich vor 20 Jahren nach 5 Wochen Indien zurueck kehrte, hatte ich 6 Kilo Koerpergewicht verloren - Durchfall (bzw. Bombay Dance). Hier ereilt mich das Gegenteil. Die Ursache ist mir nicht klar. Psychosomatische Verschlossenheit? Ernaehrung?
Das Fruehstueck war immer ein Problem. In aergerlicher Anpassung an meinen vermeindlich angelsaechsischen Geschmack bekomme ich Labberweissbrot der britischen Machart vorgesetzt. Teller und Besteck sind nass. Vor mir stehen Marmite, Margarine, Chillipaste, Zucker, Industriemarmelade. Diese Problem habe ich jetzt aber auf zweierlei Weise geloest. Zum einen machte ich durch ueberdeutliches Lob fuer die selbstgebackenen Rotis (Mehl, Kokosflocken, Salz, Wasser) deutlich, dass ich sie den abgepackten Waschlappen - wie ich sie seit 40 Jahren nenne - vorziehe. Ausserdem kaufe ich Mangos und Ananas, die ich der Oma zur Zubereitung uebergebe (ich habe in der Kueche zum Glueck - Ameisen, Schmiere - nichts zu suchen). Zusaetzlich habe ich eine fuer hiesige Verhaeltnisse suendhaft teure Packung All Bran gekauft, die ich zunaechst mit Joghurt zu essen gedachte, bis ich merkte, dass ungezuckerter Joghurt nicht zu haben ist. Jetzt mische ich stattdessen Bueffel-Curd mit etwas Wasser.
Ich lebe seit 2 Monaten vegetarisch mit Ausnahme des Intervalls im Hotel. Zum Mittagessen bekomme ich einheimische Kost. Sie entspricht in etwa dem, was ich mir zu Hause selber koche: Gemuese-Curry mit Reis. Ich geniesse verschiedenste in Europa voellig unbekannte Gemuesesorten. Darueber hinaus gibt es Bohnen-, Peperoni-, Kuerbis-, Moehren-, und rote Beete-Curry. Die Currys werden mit den ueblichen Gewuerzen und etwas Kokosnussmilch zubereitet. Immer gibt es Dal (gewuerzter Linsenbrei) dazu. In Ratnapura assen wir roetlichen Reis, hier an der Suedkueste weissen. Zu den Currys wird Papadam gereicht. In den einheimischen Restaurants und auch in der Familie in Ratnapura gehoerte zu jeder Mahlzeit ein Schaelchen voll Sambul. Sambul besteht aus Kokosraspeln, zerkleinerten trockenen Chillis, Ziebeln, Salz und getrocknetem Minifisch. Die meisten Einheimischen, auch die Moenche, essen Fleisch, hauptsaechlich Haehnchen und sehr viel Fisch unterschiedlichster Art. Wenn ich die Fliegen auf den Fischen in den Verkaufsstaenden sehe, lasse ich das lieber bleiben, wie der vorsichtige Bremer sagt.
Die hiesigen Desserts sind ziemlich suess und nichts fuer mich. Ganz angenehm ist noch eine Art Bueffel-Curd mit Honig oder eher Melasse. Das traditionelle Gebaeck ist auch nicht `my cup of tea` - zu wenig interessante Gewuerze, zu viel Oel. Nur ein kardamomhaltiges Gebaeck hat es mir trotz des Oelgehalts angetan. Kardamom ist und bleibt ein einziger Gottesbeweis; ich wuerde die Existenz von Mangos und Passionsfruechten als zusaetzliches Argument gelten lassen.
Ich lebe seit 2 Monaten abstinent. Es gibt Bier, Wein und Spirituosen fuer die Auslaender. Sogar mancher Singhalese trinkt Bier. Alkoholiker bedienen sich des Toddy-Gebraeus, als Destillat Arrack genannt. Toddy wird aus fermentiertem Palmsaft hergestellt. Toddy-Tapper, Palmstafteinsammler, ist ein Beruf, der auf Hochseilen zwischen den Palmen ausgeuebt wird. Ich habe noch keinen gesehen, obwohl ich in der Toddy-Gegend wohne. Wasser bekomme ich von meiner Familie in 1 1/2-Literflaschen zu 25 R.s (25 Cent) das Stueck. Das Leitungswasser wird aus einem Brunnen hochgepumpt. Ich wuerde es nur abgekocht trinken. Wenn ich vom Tempel zu Hause bin, bekomme ich eine Tasse Tee, manchmal mit Keksen. Wenn die Oma ihn bringt, streicht sie mir liebevoll ueber`s Haar.
Ich habe nicht ausprobiert, mit den Haenden zu essen; es kostet mich zu viel Ueberwindung. Ich bekomme ueberall Besteck, meist Loeffel und Gabel. Die Einheimischen mantschen genuesslich Reis und Curry auf ihrem Teller und fuettern auch die Kinder so. Sie benutzen die Finger ihrer rechten Hand. Die ganze Handflaeche zu verkleen (wie schreibt man das?), zeugt nicht von guten Manieren.
Vorbei sind die Zeiten loriot-verdaechtiger Szenen. Ihr kennt alle den Sketch mit dem Mann im Restaurant, der endlich sein Steak oder was immer in Ruhe verzehren will. Nun, genauso fuehlte ich mich, wenn ich in Ratnapura beim Essen sass. 3-4 Verwandte sahen stehend zu und fragten jede Minute, ob es schmeckt: "Rasai?" Ich: "Ou, hare rasai." (yes, very tasty) und schlinge mein Essen runter, um die Situation, unter der ich mich anfangs buchstaeblich wand, schnell zu beenden. Hier in Molligoda leistet mir Jayani, die Mutter, Gesellschaft und erzaehlt von ihren Geschaeften, oder Vidushi (8) isst mit am Tisch und erzaehlt von ihrer bloeden Englischlehrerin, von ihren Noten oder zeigt mir ihren ruehrenden Brief an die geliebte Science-Lehrerin, die die Schule leider verliess.
11.12.05 Nachtrag: Am meinem letzten Arbeitstag im Tempel lud mich der Leiter der Klosterschule zum Mittagessen ein. Er hatte selbst gekocht. Ich war der erste Volunteer, dem diese Ehre zuteil wurde. Es gab 4 verschiedene Gemuesecurries, Fischcurry (von dem ich nicht ass), 2 Salate und diverse Fruechte zum Nachtisch: Papaya, Granatfrucht, Mangos, Ananas. Das Gespraech war interessant. Dhammananda Thero promovierte zum Thema Kant und Buddhismus. Er wuerde sich zu gerne mal Koenigsberg ansehen. Ergebnis dieser ausgiebigen Mahlzeit war der gestrige Tag im Bett; das gesamte Mittagessen hatte schubweise seinen umgekehrten Weg genommen. Na, heute bin ich wieder gesund. Von Bombay Dance oder Delhi Belly also keine Spur. Mir war wohl der Salat zum Verhaengnis geworden. Dabei wusste ich doch: Never eat Rohkost in a country like this.