Wednesday, November 09, 2005

 

Eine Hochzeit in Sri Lanka

Liebe Freunde,

das wichtigste Ereignis im Leben einer Singhalesin/eines Singhalesen ist die Hochzeit. Wenn ihr jemanden zu Hause besucht, seid gewiss, dass ihr hunderte kitschige Hochzeitsfotos ansehen muesst oder, wenn die Familie wohlhabend ist, stundenlange Hochzeitsvideos. Sie zeigen steife, gestellte Gruppenfotos bei Begruessungen und Abschieden.

Eine Heirat kommt in der Regel durch Vermittlung der Eltern oder eines aelteren Bruders zustande. Die Zeitungen sind voll entsprechenden Anzeigen. Folgende Features preisen die zukuenftige Braut, den zukuenftigen Braeutigam auf dem Heiratsmarkt an: Alter, Koerpergroesse, Einkommen, Mitgift, Bildung (z.B. spricht Englisch ist ein Pluspunkt), berufliche Position, Mitgift (z.B. hat ein Haus in Colombo oder bekommt 1 Millionen Rupees), bei Frauen der Helligkeitsgrad der Hautfarbe, manchmal die Kaste und sonstige Herkunftmerkmale wie z.B. Kandyan Business Family. Fast immer wird eine Antwort mit Horoskop erbeten.

Die Hochzeit, auf der ich als Gast geladen war, war eine sogenannte Love Marriage, also keine arrangierte Hochzeit. Was ganz und gar ungewoehnlich ist: Der Braeutigam uebernachtete schon vor der Hochzeit im Schlafzimmer der Braut. Beide Familien verdanken ihren Reichtum dem Gem Business. Die Familie der Braut ist steinreich.

Bereits 1 Woche vor dem durch den Astrologen festgesetzten Termin wird es hektisch. Tanten, Onkel und weitere Verwandte frequentieren das Haus der Braut aus fuer mich undurchsichtigen Gruenden. Freunde bauen ein Podest fuer das Brautpaar bis tief in die Nacht (vornehmlich vor meinem Schlafzimmer :-( ) - ansonsten ein netter Brauch. Der Sportlehrer der juengeren Tochter macht Blumengestecke, die Bediensteten lackieren die Steine im Garten und manikueren das Gras um jede Seinplatte herum. Der Hausherr reinigt seine diversen Aquarien mit den Riesenfischen. Die juengere Schwester und ihre Freundin putzten das obere Stockwerk (leider nicht das Bad). Der Sohn eines Bediensteten reinigt die Kueche. Es werden haufenweise Sarees gekauft und die hochhackigen durchsichtigen Silberslipper aus dem Schrank geholt und auf dem Balkon aufgereiht. Lastwagen kommen, um fuer 500 Gaeste Stuehle abzuladen, Steoreoanlagen, Keyboards, Mikrophone. Der Gast (ich!) wird von jeder Tante und Cousine gefragt, er in einer Saree erscheinen wird ("You don"t like Saree?!")

Die Hochzeit findet wie bei uns im Haus der Braut statt. Die Braut und die Brautjungfern werden nach allen Regeln der Kunst zu hinreissendem Liebreiz ausstaffiert und geschmueckt. Sie laecheln und kiechern, dass es jedem Bollywood-Film zur Ehre gereichen wuerde. Damit sie sich nicht bekleckern, werden sie von nun an von ihrer weiblichen Entourage gefuettert. Vielleicht hat das Fuettern auch einen anderen Grund - ich weiss es nicht. Auftritt der ersten Fotographen und professionellen Videohersteller.

Wenn die Braut soweit hergerichtet ist, faehrt der Braeutigam mit seiner Familie vor. Einzug seiner Familie in das Haus der Braut. Er verbeugt sich zu Fuessen der Brauteltern und des aelteren Bruders der Braut, waehrend ein paar Maedchen ein Hochzeitslied singen. Die eigentliche Zeremonie wird von einem Zeremonienmeister durchgefuehrt, der fortwaehrend auf seine Armbanduhr schaut, um jeden Schritt peinlich genau einzuhalten. Das Paar tritt auf das besagte Podest, Gesang in Pali, Gebete, Ringtausch, der Braeutigam legt eine Goldkette um den Hals der Braut, Wasser wird aus einem Kaennchen in eine Schale gegossen, aus dem beide trinken, beider Finger werden mit einem Faden ausammengebunden, ein Oellaempchen wird angezuendet und dergleichen mehr. Die Fotographen sind, wie ihr euch inzwischen gedacht habt, allgegenwaertig.

Der Rest des Tages - das Ganze dauert von 10 bis 17 Uhr - wird mit Essen, steifem Herumsizten und Posieren fuer Fotos verbracht. Bezeichnenderweise werden in Sri Lanka Stuehle fuer Gaeste neben einander gestellt; Gespraeche scheinen nicht vorgesehen.

Nachmittags steht das Brautpaar wieder auf seinem Podest und nimmt Geschenke entgegen. Geschenke werden kommentarlos genommen und beiseite gelegt. Zum Schluss zieht das Paar aus dem Haus der Brauteltern aus. Dies ist ein verstaendlicher Anlass fuer die Braut, bitterlich zu weinen, denn sie hat ihr Leben im Elternhaus verbracht und wird von nun an ein Zimmer im Haus der Schwiegereltern beziehen. Die meisten Geschenke sind deshalb wohl Gegenstaende fuer das neue Zuhause (z.B. Lampenschirme oder elektrische Geraete). Das Paar verlaesst das Anwesen in einem standesgemaessen Wagen japanischer Machart und wird das Wochenende in Kandy verbringen. Ein paar Freunde und Geschwister werden am naechsten Tag nachreisen.

Der Gast (immer noch ich) atmet erleichtert auf. Jedoch zu frueh! Zu jeder Hochzeit gehoert das sogenannte Homecoming nach den Flittertagen. Gleich morgens um 4.30 stehen drei Familienmitglieder in meinem Schlafzimmer und wollen Dinge aus dem Schrank holen. Wieder kommen Hunderte von Gaesten zusammen - diesmal auf Einladung der Eltern des Braeutigams und in einem Hotel. Wieder sitzt man steif herum. Die Braut traegt nun ihre dritte Saree - die Homecoming-Saree. Die ersten zwei waren fuer die Hochzeit und die Flittertage. Wieder werden jede Menge Fotographen beschaeftigt. Das Paar hat die Aufgabe zu posieren, zu laecheln und herumzusitzen. Zwischendurch zuendet es eine Kokosnussoellampe an.

Wir duerfen uns am Buffet bedienen. Die jungen Maenner duerfen tanzen, wahrend die Maedchen den Aufforderungen der Maenner kiechernd widerstehen muessen. Da Ganze dauert ca. 4 Stunden. Ich bin geschafft von dem untaetien Herumsitzen. Ich denke, nun darf ich nach Hause, aber nein: Alle fahren zum Haus des Braeutigams, ein Lieferwagen voll Mitgift (Schachteln, Reissaecke, Gewuerze) wird ausgeladen, Getraenke, Kekse und Bananen werden gereicht, man sitzt herum. Endlich hat ein Kollege am spaeten Nachmittag ein Nachsehen mit mir und faehrt mich mit seiner Familie nach Hause.

Wird es jetzt ruhiger im Haus? Weit gefehlt. Schon nach wenigen Tagen wohnt das Paar inkl. Entourage wechselweise im Haus des Braeutigams und der Braut. Da das Haus der Brauteltern viel groesser und schoener ist ...

Herzlichst eure Uschi

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