Monday, November 21, 2005

 

Die Luxusblase

Ihr Lieben,

wie gesagt, habe ich die Woche der Praesidentenwahl in einem 5-Sterne-Hotel verbracht. 5 Tage mit trockenen Handtuechern, warmer Dusche, trockenem Besteck, trockenen Tellern, frischer Bettwaesche, deutsch- und englischsprachigen Fernsehkanaelen, geniessbaren Brotsorten zum Fruehstueck, grossem Buffet und herrlichen Desserts zum Abendessen. Oh, es kommt noch besser: Einmal konnte ich gar Tennis spielen, und als ich den Fernseher einschaltete, wurde gerade das Masters Tennisturnier aus Shanghai uebertragen, und RogerFederer spielte - ein einziges Entzuecken; ich bekenne ehrlich mein Laster. Es gab einen aesthetisch geformten grossen Swimmingpool, Liegen im Garten und den Blick auf den vom Tsunami betraechtlich verkleinerten Strand.

Den Touristen im Royal Palms gebe ich keine 5 Sterne. Sie leben in einer Luxusblase. Die meisten wollen nichts wissen von diesem Land, das sich noch immer von einer Phase der Metzelei und des Verschwindenlassens von Oppositionellen jeder Couleur erholt. Am ersten Abend setzte ich mich zu einer einzelnen Frau aus Stuttgart an den Tisch, weil ich nicht gerne alleine esse und annahm, es ginge ihr genauso. Weit gefehlt: Sie war muffelig, wollte nicht ueber Sri Lanka sprechen und beendete ihr Essen schnell. Es gab eine Gruppe dieser reichen Russen, die sich gerne besoffen, wie mir eine junge Russin erzaehlte, die sich nicht wohl in der Gesellschaft ihrer Landsleute fuehlte. Hihi, die Regierung hatte fuer die Wahlwoche ein striktes Alkoholverbot erlassen - auch fuer die Hotels. Als wuerden die Touristen in den Strassen fuer Aufruhr sorgen. Ich war froh darueber, weil mir die besoffenen Russen erspart blieben. Im ebenfalls vornehmen Nachbarhotel hatten Touris "Fuck the politicians" auf das Plakat mit dem Alkoholverbot gekritzelt. Viele Hotelgaeste kommen aus Deutschland und den Niederlanden. Sie sind blond, fett, taetowiert und tragen Goldkettchen an den Fuessen. Ein schwedischer Entwicklungshelfer, den ich zum Abendessen eingeladen hatte (Er wohnt sonst in einer Familie wie ich), erzaehlte, dass die Singhalesen diese Europaeer schaetzen; die Fettleibigkeit ist ein Zeichen von Wohlstand, vor dem sie Respekt haben. Es ist der uebliche Rassismus, den ich schon vor 20 Jahren in Indien beobachtet hatte: Bist du duenn und schwarz, hast du nicht viel zu melden. Siehe auch die Ehepartnergesuche in den Zeitungen.

Ich lernte auch ein wirklich feines Ehepaar aus den Niederlanden kennen. Sie kommen seit 8 Jahren hierher und lieben dieses Land. Sie bringen Geld und Geschenke fuer Krankenhaeuser. Mit Geschenken fuer Einzelpersonen, die ihnen ihr Leid klagten, haben sie keine guten Erfahrungen gemacht; sie wurden schlicht weg belogen. Ich hoerte etliche aehnliche Geschichten ueber die Tsunamimasche und werde immer vorsichtiger mit Geschenken und letztendlich auch Hilfestellungen. Ein Mann auf der Strasse vor dem Hotel ueberschlugf sich mit Lob ueber mein edles Vorhaben, die Kids kostenlos zu unterrichten. Am Ende wollte er, dass ich ihm eine Webseite mache, auf der er einen Investor (10.000 $) fuer eine Edelsteinschleiferei sucht. Es ist okay - aber irgendwie ist bei nahezu jedem freundschaftlichen Kontakt ein Haken dabei.

Man liegt also am Pool. Sobald man das bewachte Hotelgelaende verlaesst, um den Strand entlang zu laufen, wird man von Singhalesen angesprochen, die den ganzen Tag am Zaun verbringen, den sie nicht uebertreten duerfen. Sie wollen Tuecher verkaufen, dich zu einem lokalen Restauruant abschleppen oder eine Damenbekanntschaft machen (sogenannte Beachboys). Ein Singhalese, der Edelsteinverkaeufer, bruestete sich damit, dass er froh ist ueber den Tsunami. Vor dem Tsunami gab es mehr Schlepper und Betrueger. Nach seiner Version schlossen sie Freundschaft mit den Touris ("Singhalese people friendly people."), streiften ihnen zum Abschied die Goldringe von den Fingern und rannten weg. Ich hoere viele solcher Geschichten von allen moeglichen Leuten, hauptsaechlich Singhalesen. Ich weiss nie, ob ich das glauben soll oder ob diese Leute sich irgendwie wichtig machen wollen, sich positiv von ihren unehrlichen Landsleuten abheben wollen. Mein Alltag ist jedenfalls gepraegt von Geruechten ueber Betrug und verschwundenen Tsunamigeldern.

Von Axel, dem schwedischen Entwicklungshelfer, erfuhr ich viel ueber Sri Lanka. Ich traue seinen Geschichten; er kennt das Land seit vielen Jahren, kennt die Korruption, die Geruechtekueche und die Tricks. Er erzaehlt von den vielen Helfern, die betrogen und enttaeuscht das Land verliessen, von den grossartigen Gesten der Politiker, die ein wenig fremdes Geld verteilen und sich anhimmeln und waehlen lassen, die die Clacqeure auf den Wahlveranstalungen bezahlen (aus Tsunamigeldern?); er erzaehlt von den Priestern und Moenchen, die Spenden ueber Spenden bekommen, aber nichts tun fuer die Bevoelkerung, mit teuren Handys herumspielen (habe ich selbst beobachtet) und deren Politiker angeblich in gepanzerten Luxuslimousinen durch die Gegend fahren.

An einem Tag begleitete ich einen jungen Englaender in ein Tsunamicamp, um die Kids zu unterrichten. Sie waren bereits zum Betteln `erzogen`. Ich wollte Englisch unterrichten, sie wollten ice cream, Buntstifte, Baseballkappen. Als ich ihnen sagte, dass ich das nicht gut finde, entschuldigten sie sich. Ich meine mich zu erinnern, dass Deutschland 5 Milliarden EURO fuer die Tsunamiopfer zur Verfuegung gestellt hat. Axel weiss, dass von 80.000 notwendigen neuen Unterkuenften bisher 1.000 gebaut wurden. Ein Holzschnitzer am Strand erzaehlt mir, dass er 2.500 Rupees (25 EURO) fuer neue Kochutensilien erhielt und einmalige 5.000 Rupees darueber hinaus. Axel weiss, dass ihnen 5.000 Rupees pro Monat versprochen worden waren.

Axel wollte mich dazu ueberreden, das Abendessen in einem einheimischen Restaurant zu kaufen. Diese Nobelhotels gehoeren alle irgendwelchen Europaeern. Das Geld der Touristen fliesst in ihre Laender zurueck. Am Ende meines Hotelaufenthalts konnte ich ausrechnen, dass ich 160 $ pro Tag fuer Uebernachtung und Halbpension ausgegeben hatte; das ist _pro Tag_ das 2 bis 4-fache eines hiesigen Monatsgehalts, je nachdem ob du Verkaeuferin oder Lehrerin bist.

Diese ganzen Erlebniss lassen mich jedenfalls mit dem Gefuehl zurueck, nicht mehr zu wissen, was richtig ist - und das ist vermutlich richtig.

Herzliche Gruesse von Uschi

Comments: Post a Comment

<< Home

This page is powered by Blogger. Isn't yours?