Monday, November 14, 2005

 

Abschiedszeremonie

Ihr Lieben,

wenn ich mich auch in meiner alten Gatsgeberfamilie gar nicht wohl fuehlte, so denke ich doch gerne an die erste Schule zurueck, besonders an meinen Chef Sumana Jothi Thero. Als ich ihm klar machte, dass ich seine Schule schon nach 1 Monat verlassen will, war er traurig und sagte dann: Ja, dann muessen wir eine Farewell-Party veranstalten.

Um 10.30 Uhr an meinem letzten Tag wurden also alle Tische beiseite gerueckt und fuer die Schueler Stuehle in der Mitte des Schulraums aufgestellt - links die Moenchlein, rechts die "normalen" Schueler. Oben auf dem Podest sassen die Lehrer, Moenche und "normale" Lehrer, und ich in einer Reihe.

Ich wusste natuerlich nicht, was mich erwartet. Ich hatte kleine Bilder fuer jeden Schueler gemalt (Blumen, Sonne/Mond/Sterne, Drachen, Baum, Segelboot) mit einem Abschiedsgruss. Ausserdem hatte ich mir ein Lied zum vorsingen ausgesucht (Dear friends, dear friends - fuer die, die es kennen).

Am Anfang hielt der mein Chef, der Headmaster, eine wertschaetzende Rede. Dann wurden verschiedene Schueler aufgefordert, einen Beitrag zu leisten. Einer sang ein Lied. Ein anderer hatte einen Dankeschoen-Text auf Englisch vorbereitet, ein anderer auf Singhalesisch. Ein Lehrer verlas einen Dankeschoen-Text auf Englisch. Ich bekam ein Geschenk von den Schuelern, eins von den Lehrern und eins von Sumana Jothi Thero. Ich muss gestehen, dass ich nur eins davon behielt - einen golden bemalten Buddha. Die anderen beiden Geschenke waren allzu kitschig, und ich hatte keinen Platz mehr in meinem Rucksack fuer sperrige Stellgegenstaende. Am Tag zuvor hatte ich waehrend der Pause Gespraechsfetzen meiner Kollegen aufgeschnappt. Dabei verstand ich, dass man plante, mir einen dieser schrecklichen Blinkbuddhas zu besorgen. Ich hoerte naemlich das Wort "battery". Ich schaltete mich sofort ein und bat instaendig um ein schlichteres Modell. Wie das Amen in der Kirche kommt dann immer die Frage "why?". Tja, dann bin ich oft um eine Antwort verlegen, weil ich doch hoeflich bleiben will. Ich sagte: "I like simple things."

Nahezu jeder Schueler unter den Moenchen wollte meine Adresse auf dem Grusskaertchen haben. Manche wollten meine Handynummer. Zweimal bekam ich einen Testanruf auf meinem Handy von einem der aelteren Schueler, Somanesiri Thero. Da sie eigentlich kein Englisch koennen, sah ich wenig Sinn darin. Ich weiss allerdings nicht, was es ihnen bedeutet.

Was mich beruehrte an der Abschiedszeremonie war folgender Brauch: Ganz zum Schluss wurde ein weisser Faden zwischen den Moenchen und mir gespannt. Ich bekam die Spindel in die Hand, auf der der Faden aufgewickelt war. Dann sangen die Moenche in Pali. Der oberste Moench und Priester des Tempels schnitt ein Stueck Faden ab und band es um mein rechtes Handgelenk. Die Vibrations von dem Gesang gehen in den Faden ueber und wirken auf mich - so der Glaube, den jemand anderes spaeter erklaerte. Viele Singhalesen behalten den Faden um ihr Handgelenk, bis sie sich den naechsten Segen holen. Auch ich habe ihn so lange behalten, bis er denn doch etwas grau wurde. Es blieb noch einige Tage ein Phantomgefuehl des Fadens zurueck.

Ich vermisse die stille Praesenz von Sumana Jothi Thero und bedaure, dass ich nicht zu seinem Geburtstag am 28.12. fahren werde. Morgen schreibe ich ihm einen Brief mit dieser Mitteilung. Birte bringt aus Deutschland eine Landkarte als Geschenk fuer ihn mit. Er war ganz begeistert, als ich ihm mein Exemplar zeigte, weil die Karte die bedeutenderen Kloester Sri Lankas verzeichnet.

Herzlichst von Uschi

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