Sunday, October 30, 2005

 

Ein typischer Arbeitstag

Liebe Freunde,

so sah bisher ein Arbeitstag fuer mich aus:

Aufwachen um 6, weil die ersten Bediensteten nach dem Aufstehen laut herumrotzen - eine hiesige Angewohnheit, die keineswegs verpoent ist. Aufstehen um 6.30, duschen. Zum Fruehstueck englisches Labberbrot mit Marmite auf nassem Teller. Dazu Papaya und Bananen. Umzu: Hunderte von Fliegen.

Um punkt 7.50 kommt der Threewheel-Driver, d.h. mein dreiraedriges Minitaxi und bringt mich zur Klosterschule. Waehrend der halsbrecherischen Fahrt spuckt der Fahrer 3-5 Mal roten Betelnusssaft auf die Strasse. Die sichersten Kreaturen auf der Strasse sind die Kuehe, gefolgt von den Menschen (immerhin). Die vielen raeudigen Hunde haben das Nachsehen.

Wenn ich in der Schule ankomme, sind die Schueler noch am beten. Um 8.15 betrete ich den offenen Schulraum, in dem 5 Gruppen gleichzeitig unterrichtet werden - von Moenchen und von "normalen" Lehrern. Ich habe einen Stundenplan. Um 10 Uhr holt mein Kollege Stanley mich zur Fruehstueckspause. Ich benutze das ecklige Klo mit dem Loch im Boden. Da ich anders als alle anderen Klopapier verwende, muss ich mit einem alten Farbeimer ordentlich Wasser nachspuelen, um Verstopfungen zu vermeiden. Ich kremple meine Hosenbeine hoch, damit die Hose nicht auf den nassen, schmutzigen Boden haengt. Zum Fruehstueck hat Stanley Snacks aus dem Laden nebenan gekauft. Es handelt sich um schlecht definierbare Dinge mit viel Zucker und Kohlehydraten, so dass ich meist nur aus Hoeflichkeit probiere.

Um 11.30 ist Mittagspause. Die Moenche machen ihre Dana-Runde. d.h. bekommen von Leuten im Dorf etwas zu essen. Die anderen Schueler kaufen etwas im Laden oder haben Hunger, wenn sie kein Geld haben. Um 12.15 gebe ich noch eine Stunde Unterricht, dann steht der Three-Wheeldriver vor der Tuer und faehrt mich nach Hause, wo ein Mittagessen fuer mich bereit steht. Ich esse wegen der vielen Fliegen in der Kueche nun im Wohnzimmer.

Um 15.10 kommt der Fahrer und bringt mich zum Tempel. Dort warten 4-12 allerliebste Kinder auf mich und freuen sich schon. Sie sind zwischen 11 und 12 Jahre alt. Die erledigen ihre Aufgaben konzentriert, helfen sich gegenseitig und koennen es nicht abwarten, mir ihre Hefte zu zeigen. In der Pause verteile ich was wir frueher Flomibaelle nannten; sie nennen sie Magic Balls und sind absolut hingerissen davon. Wir spielen 10 Minuten, dann gibt es nochmal etwas Unterricht oder wir singen aus Leibeskraeften und wunderbar falsch. Z.B. singen wir das Lied ueber die Wochentage, ueber das Wetter ( seit 1 Monat Regen in Ratnapura und Ueberschwemmungen) oder Twinkle, twinkle little star. Sie haben diese Lieder bereits in der Schule gelernt. Von mir kennen sie das Lied vom Kookaburra. Nach 1 1/2 Stunden werde ich nach Hause gefahren.

Dort wasche ich Klamotten, lese Anna Karenina, schreibe Tagebuch, bereite Unterricht vor und langweile mich. Die Familienmitglieder sprechen so gut wie kein Englisch. Sie sitzen vor dem TV, sehen kitschige Hindimusikfilme, spielen Karten oder schlafen.

Gegen 22 Uhr mache ich das Licht aus, weil es nichts anderes zu tun gibt. Ich lebe in einem goldenen Kaefig, der 20 Minuten Fahrt von der haesslichen Stadt entfernt liegt. Der "Kaefig" wird von einem gemeingefaehrlichen Schaeferhund bewacht.

Ab 1. November werde ich in Kuestennaehe unterrichten und melde mich von dort.

Viele Gruesse von Uschi

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